Kapitel 2

Es war nun einen Tag her, als er und, so nahm er an, auch seine Kameraden von diesem wundervollen und warmen Licht vor dem sicheren Tod gerettet worden waren. Anfangs war er sich nicht sicher gewesen, ob er der Einzige war, dem dieses seltsame Ereignis wiederfahren war. Doch dann hörte er die Stimmen seiner Kameraden in seinem Geiste. Einige waren gut zu verstehen, andere sehr leise, als ob sie ungeheuer weit weg wären. Eine unglaubliche Erleichterung hatte sich in ihm ausgebreitet und mit der Gewissheit nicht der Einzige zu sein, hatte Uriens seinen Schild und sein Schwert gepackt und war aufgebrochen seine Kameraden zu finden.

Es hatte eine Weile gedauert bis er sich orientiert hatte, da er nur nach und nach auf markante Stellen getroffen war, mit deren Hilfe er seine Position bestimmen konnte. Mittlerweile war er sich relativ sicher wo er sich befand. Es musste der südliche Teil des Totenwind-Passes sein. Alles sah anders aus als er es in Erinnerung hatte, auch der mächtige Turm von Karazhan, der seine Umrisse gegen den Horizont in der Ferne abzeichnete. Er war kurz davor endlich am oberen Ende des Bergkamms anzukommen, hinter dem er, wenn er sich nicht irrte, die Grenze zum Dämmerwald sehen würde. Nach weiteren fünf Schritten stellte er mit einiger Genugtuung aber auch Erleichterung fest, dass er Recht hatte und ihn sein Orientierungssinn nicht getäuscht hatte. Der Anblick war atemberaubend, wie die untergehende Sonne, welche scheinbar direkt im sich bis zum Horizont erstreckenden, undurchdringlichen Blätterdach des Dämmerwaldes zu versinken schien und dabei die Blätter der Bäume in allen Farben funkeln ließ. Die Richtung stimmte also. Aber heute würde er keinen Schritt mehr weiter gehen. Er war erschöpft, durstig und hungrig. Sein ganzer Körper schmerzte von den Strapazen der Schlacht. Zumindest hatten die unzähligen kleinen Schnitte und Wunden aufgehört zu bluten. Es machte ohnehin keinen Sinn sich bei Nacht durch den Dämmerwald zu schlagen, dachte er. Doch nur um sich selbst zu beruhigen. Denn ob bei Tage oder bei Nacht, im Dämmerwald war es immer gleich dunkel…

Die ersten Sonnenstrahlen tanzten über die Wipfel der Bäume, als Uriens seine Augen wieder öffnete. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er den Rest seines, von der Kälte der Nacht steifen, Körpers wieder einigermaßen bewegen konnte. Nachdem er sich aus der kleinen Felsspalte, in der er Zuflucht gesucht hatte, geschält hatte, begann er mit dem Abstieg zum Rand des Dämmerwaldes. Als er unmittelbar am Rand des Waldes stand, verspürte er ein leichtes Unbehagen. Widerwillig setzte er den ersten Fuß in den Wald. Und noch einen Schritt und noch einen. Bereits nach diesen wenigen Metern umgab ihn die eigentümliche Finsternis dieses heimtückischen Waldes. Er versuchte die Gedanken an die Schrecken und Kreaturen, die hier hausten, zu verdrängen. Langsam aber stetig setzte er einen Fuß vor den anderen und ging immer weiter vorwärts. Denn das war die einzige Richtung, die es für ihn gab.

Den Wald zu umgehen war in seiner körperlichen Verfassung keine Option. Zu lang wäre der Weg zu Wasser und Nahrung. Und ein Heiler wäre vielleicht auch nicht schlecht dachte Uriens und erwischte sich dabei, wie sich sein Mund zu einem leichten Grinsen verzog. Das erste Mal seit…wie lange? Er konnte sich nicht erinnern. Dann wurde er jäh von einem Knacken aus dem Unterholz aus seinen Gedanken gerissen. Verdammt! Schoss es durch seinen Kopf. Wie konntest du nur so nachlässig in Gedanken schwelgen, hier, jetzt, an diesem von den Göttern verlassenen Ort. Er blieb stehen, ging langsam in die Hocke und schaute sich um. Nichts war zu sehen, aber was ihm mehr Sorgen bereitete, war, dass auch nichts zu hören war. Denn bis jetzt war um ihn herum immer die Geräuschkulisse des Waldes zu hören gewesen. Aber jetzt war es einfach nur still. Irgendjemand oder irgendetwas war in der Nähe. Vorsichtig und geduckt versuchte er weiter zu schleichen. Seinen Schild und das Schwert hatte er, ohne dieses bewusst miterlebt zu haben, schon längst Kampfbereit in den Händen. KNACK! Uriens fuhr herum, wobei er fast das Gleichgewicht verloren hätte. Doch es war nichts zu sehen. Irgendwie musste er „es“, was immer es auch war, aus der Deckung locken. Denn so würde es ihn erreichen, ohne eine Chance es zu entdecken. Er überlegte kurz, schüttelte im Geiste seinen Kopf, stand auf und rannte los. So schnell er konnte und sich dabei ständig umsehend, hetzte Uriens durch den Wald. Und er musste nicht lange rennen, er war vielleicht 50 Meter weit gekommen, da erblickte er aus den Augenwickeln die Kreatur, die ihm nachstellte. Ein ausgewachsener Terrorwolf brach aus dem Dickicht rechts hinter ihm hervor. Es war nur eine Frage von Augenblicken, bis ihn die riesige Kreatur würde eingeholt haben. Er drehte den Kopf wieder nach vorne und sah im letzten Moment, bevor der Terrorwolf aus seinem Blickfeld verschwand, dass er zum Sprung ansetzte. Instinktiv stieß sich auch Uriens vom Boden ab, drehte sich in der Luft und riss den Schild, fast schon waagerecht in der Luft liegend, vor den Oberkörper. Der Wolf raste durch die Luft direkt auf ihn zu, sein Maul weit aufgerissen, bereit alles zu zermalmen, was er damit zu fassen bekam. Uriens musste den Wolf so lange wie möglich fest im Blick halten, denn sein Timing würde darüber entscheiden ob er das hier überlebte oder nicht. Dann war es soweit. Er spürte die erste Berührung des Wolfes an seinem Schild, ein halber Meter vielleicht noch, bis dieses riesige, reißzahnbestückte Maul seinen Schädel zerquetschen würde wie ein überreife Tomate. Uriens hob das Schwert und stach mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft von der Seite zu. Die Klinge seines Schwertes stieß auf Widerstand, doch sein Arm trieb sie gnadenlos immer tiefer in den Körper des Wolfes, welcher augenblicklich den Kopf in den Nacken warf und ein ohrenbetäubendes Gejaule ausstieß. Dann schlugen beide hart auf dem Boden auf. Das Gewicht des Terrorwolfes presste die Luft aus Uriens Lungen. Mit Mühe und Not schaffte er es den Wolf zur Seite zu drücken. Sofort nahm er einen tiefen Atemzug und versuchte sich aufzurappeln. Als er stand, sah er von oben auf die getötete Kreatur herab. Mit einem schmatzenden Geräusch zog er sein Schwert aus der Flanke des Wolfes. Blut und Eingeweide folgten der Klinge und platschten auf den Boden. Einige der Wunden an seinem Körper waren durch den Kampf wieder aufgerissen und er fühlte das warme Blut auf seiner Haut. Er überlegte an Ort und Stelle eine kurze Rast einzulegen, wurde aber durch das Heulen von mindestens zwei weiteren Wölfen in einiger Entfernung jäh aus diesen Gedanken gerissen. Er sah sich hastig um, nichts zu sehen. Dann rannte er los, seine Waffe und den Schild fest im Griff. Immer wieder peitschten Äste und Gestrüpp gegen seine Arme, Beine und sein Gesicht.

Seine einzige Chance war einen Unterschlupf zu finden, den er gegen diese Biester verteidigen konnte, denn ein Entkommen war unmöglich, das wusste er. Die Wölfe würden ihn überall finden, denn seine blutenden Wunden legten eine erstklassige Fährte.

Lange würde er sich nicht mehr vor den Wölfen halten können. Seine Kräfte schwanden, die Beine wurden immer schwerer und sein Atem war nur mehr ein Keuchen. Er konnte schon das Getrappel ihrer Klauen hinter sich hören. Aber er stolperte weiter vorwärts. Bald würde er ihren Atem in seinem Nacken spüren. Eine Wand aus dichtem Gestrüpp tauchte vor ihm auf. Uriens hob den Schild und warf sich mit aller Wucht gegen das Buschwerk. Zu seiner Überraschung leistete das Gestrüpp deutlich weniger Widerstand als erwartet und er stürzte hindurch. Auf der anderen Seite rollte er einen kleinen Hang hinunter. Etwas benommen kam er wieder auf die Beine, er war auf so etwas wie einer kleinen Plantage gelandet. Ruckartig drehte er sich in die Richtung aus der er gekommen war, in der Erwartung, dass die Terrorwölfe jede Sekunde durch das Dickicht gesprungen kamen. Endlose Sekunden vergingen. Aber seltsamer Weise schienen sie ihm nicht zu folgen. Nachdem er noch einen Moment gewartet hatte um wirklich sicher zu sein, dass sie ihm nicht folgten, drehte er sich wieder in Richtung Plantage.

Dann traf ihn ohne Vorwarnung etwas sehr hartes, mit der gefühlten Wucht eines Rammbocks, gegen die Brust und streckte ihn augenblicklich zu Boden. In den ersten Sekunden nach diesem brutalen Treffer nahm er seine Umwelt nur noch verschwommen wahr. Knurrende und gutturale Laute drangen in seine Ohren. Plötzlich tauchte über ihm ein großer, schwarzer Schatten auf. Sein Blick klarte langsam auf und er erkannte die hassverzerrte Fratze eines Worgen. Deshalb waren ihm die Wölfe nicht gefolgt. Und diese Art von Worgen war niemals alleine. Er versuchte sich ein Bild seiner Lage zu machen, indem er fast unmerklich den Kopf etwas anhob und die Augen über das Gelände streifen ließ. Dabei fiel ihm auf, dass sein Schild nicht mehr da war. Er musste ihn beim Angriff des Worgen verloren haben. In einiger Entfernung nahm er noch zwei weitere Worgen wahr. Er war verloren. Einer der beiden anderen Worgen hatte seine, wenn auch minimale Bewegung, registriert und signalisierte dies mit einem Knurren an seinen Kumpanen, der neben ihm stand. Ohne Zeit zu verlieren, ließ dieser seine mächtigen klauen auf Uriens herabsausen. Er rollte sich zur Seite und schaffte es auf ein Knie zu kommen. Der Worgen stürzte ihm entgegen und auch die anderen beiden hatten sich in Bewegung gesetzt. „Ja, komm nur her, du Mistvieh!“ schrie er und hob das Schwert, denn das hatte noch, mit beiden Händen so, dass sich der Worgen direkt hineinstürzte. Er hatte das Gefühl, das seine Klinge regelrecht mit dem Körper der Kreatur verschmolz, und dieser ihm damit das Schwert im Sturz aus den Händen riss. Seine Kumpanen hatten ihn sowieso erreicht.

Aus… Schluss… Vorbei…

Ein heftiger Einschlag brachte den einen Worgen, der Uriens erreicht hatte, aus dem Gleichgewicht und seine Bewegung schien nun deutlich verlangsamt. Aber er versuchte es weiter, während sein Begleiter abdrehte und in eine andere Richtung lief. Er schaute in diese Richtung und sah ein weiteres, blauweiß leuchtendes Geschoss auf den schon verletzten Worgen zurasen. Ein zweiter Treffer würde das Mistvieh ohne Zweifel zur Hölle schicken, dachte er. Und so war es auch. Der Treffer schleuderte den Körper einige Meter durch die Luft und überzog das Fell mit einer feinen Schicht Raureif. Aber das hatte Uriens nicht mehr gesehen. Er hielt Ausschau nach dem Ursprung, auf den der letzte Worgen zweifellos nun zustürmte. „MAAARIII !“ schrie Uriens aus vollen Lungen und mit bebender Stimme und konnte nicht glauben, dass er sie wirklich dort stehen sah. Während der verbliebende Worgen auf sie zustürmte. Mari hob ihren rechten Arm leicht an und machte eine süffisante Geste mit der Hand, worauf der Sturmlauf der Kreatur unmittelbar zum Stillstand kam. Bläulich schimmernde Eiskristalle hielten ihn an Ort und Stelle fest. „Das ist dein Ende, Mistvieh“ flüsterte Uriens zu sich selbst und begann damit, zu versuchen, sein Schwert aus dem Körper des Worgen zu befreien. Nach einigen Augenblicken jedoch, die vergingen ohne das er einen weiteren Treffer am Worgen vernahm, sah er sich zu Mari um. Sie war auf die Knie gesunken, scheinbar nicht in Lage noch einen weiteren Zauber zu wirken. Sein Blick wechselte hastig zwischen dem Worgen und Mari hin und her. Lange würde ihn das Eis nicht mehr halten können. „Mari steh auf!“ schrie er zu ihr rüber, während er wie ein besessener an seinem Schwert zog. Doch Mari reagierte nur mit einer kopfschüttelnden Geste und hob einen Arm in seine Richtung. Das Schwert rührte sich nicht und er sah sich nach einer Alternative um. Da lag sein Schild. Uriens ließ von seinem Schwert ab und rannte zu seinem Schild. Er nahm ihn auf und legte ihn an, ohne seine Bewegung zu unterbrechen. Das Eis zeigte erste Risse. Eine unbändige Wut war in ihm aufgestiegen und ließ ihn seine Verletzungen und Schmerzen für den Augenblick vergessen. Er schoss wie ein Berserker auf Mari zu. Er musste das Mistvieh abfangen, bevor es Mari erreichen konnte. Das Eis gab krachend nach und der Worgen stürmte weiter auf sie zu. Uriens mobilisierte alles an Kraft und Energie, die noch in seinem Körper steckten.

Knapp einen Meter von Mari entfernt krachte er, mit erhobenem Schild voraus, seitlich in den Worgen. Beide wurden beim Aufprall zu Boden gerissen. Aber Uriens rappelte sich sofort wieder auf, während der Worgen noch leicht benommen auf dem Boden lag. Er war im Rausch und nichts und niemand konnte ihn jetzt noch davon abhalten auch dieses Mistvieh umzubringen. Er sprang auf den Worgen, nahm den Schild in beide Hände und schlug auf den Schädel der Kreatur ein. Immer und immer wieder ließ er den massiven Schild herabsausen, bis nur noch eine blutige Masse davon zeugte, dass diese Kreatur mal einen Kopf besessen hatte.

Uriens ließ das Schild fallen und wendete sich Mari zu.

— Uriens
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